Zum Fliegen geboren: Max Walch
Wir sprechen mit dem Heimatmenschen Max Walch, Geschäftsführer der Aircharter Luftfahrt GmbH am Flugplatz in Jesenwang und Pilot aus Leidenschaft.
KHV: Servus, Max, alter Nachbar. Dich und deine Familie kenne ich auch schon mein Leben lang, durch die räumliche Nähe, gemeinsame Schulen und immer noch andauernde Freundschaften. Du bist in einer Unternehmer-Großfamilie mit sechs Kindern aufgewachsen, hast zwei ältere und eine jüngere Schwester sowie zwei jüngere Brüder. Wie muss man sich diese Konstellation vorstellen?
Max: Spannend, würde ich sagen, trifft’s wohl am besten, das deckt alles ab :-)! Bedingt durch unsere Unternehmungen – Flugplatz, auch mit Gaststätte, und unserer Dorfwirtschaft mit Frühstückspension – war bei uns immer sehr viel los. Wir Kinder haben da dann automatisch auch bis zu einem gewissen Grad Teile der Erziehung für die jüngeren Geschwister übernommen. Meine zwei älteren Schwestern Elvira und Silvia für mich, und die dritte Schwester Brigitte und ich für meine jüngeren Brüder Harald und Dietmar. Das fand ganz automatisch statt, ohne Anweisung oder Druck, und hat uns natürlich auch zusammengeschweißt – uns Kinder wie auch die ganze Familie.
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Ich hab das ja damals als Kind auch mitbekommen, ihr musstet alle von klein auf gewisse Tätigkeiten, immer dem Alter angepasst, ausführen und somit Verantwortung übernehmen.
Ja, das war einfach so, wir sind so aufgewachsen und erzogen worden. Einschenken, abräumen, Tisch decken, Small Talk mit Gästen oder Piloten am Flugplatz, Rasenmähen, Telefondienst – das war alles ganz normal für uns.
Das wäre heute schwierig.
Ja, Thema Kinderarbeit oder Gesundheitszeugnis in der Gastronomie, ganz schwierig. Ich bin aber froh, dass das damals so war. Wir waren stolz, mitarbeiten und etwas beitragen zu dürfen, Teil vom Ganzen zu sein. Dies war auch gut für die Mentalität, wenn man früh Verantwortung übernimmt, die sich entwickelt und wächst wie man selbst. Ich habe zum Beispiel auch in der Landwirtschaft der Nachbarschaft ausgeholfen, hab Tiere auf die Weide geführt und bin Bulldog gefahren. Aber es war immer auch ein Erwachsener in der Nähe, der das große Ganze im Blick hatte. Wir hatten natürlich durch den Flugplatz immer viele Gäste und mein Vater war bei den Freien Wählern politisch sehr aktiv und sogar in der bayerischen Parteispitze in der Verantwortung. So durften wir schon früh tolle und interessante Menschen kennenlernen. Das hat definitiv auch unseren Horizont erweitert. Es war eine tolle Zeit, die ich auf keinen Fall missen möchte, und ich bin dankbar dafür, dass ich das alles noch so erleben durfte.
Wie ging es bei dir nach der Schule weiter, gab es da noch etwas vor dem Fliegen?
Ich war auf der Fachoberschule im technischen Zweig und begann dann Elektrotechnik und Physik zu studieren, aber das war nicht wirklich das, was ich wollte. So wechselte ich in den Bereich Digitale Kommunikationstechnik, ein sehr spannendes und ganz neues Thema, das war damals noch absolute Pionierarbeit. Ich durfte dabei sein, es war 1984/85, als beim ADAC das erste gewerblich genutzte LAN (Local Area Network, lokales Rechnernetz, typischerweise innerhalb eines Gebäudes) installiert wurde. Heute dominiert ja WLAN, also das drahtlose Netzwerk. Das war damals alles sehr neu und innovativ, und den Beruf des Kommunikationstechnikers gab es noch gar nicht.
Dann begann dein Einstieg in die Fliegerei?
Mental hatte er bereits vor vielen Jahren stattgefunden. Auf mich übte das Fliegen schon als kleines Kind eine große Faszination aus. Die Flugzeuge, die ganze Atmosphäre, der Umgang mit Piloten, deren Geschichten, das Mitfliegen, die Zeit bei meinem Vater auf dem Tower – all das zog mich schon sehr früh in seinen Bann. Es war daher schon immer mein Wunsch, später auch in diese Welt einzutauchen und am besten meinen Traum zum Beruf zu machen. Und genau so ist es dann auch gekommen. Ich habe bereits mit 17 meinen Pilotenschein gemacht und mit 18 durfte ich dann endlich fliegen – ein Traum ging in Erfüllung! 1987 habe ich meine Fluglehrerlizenz absolviert, dann kam der Berufspilotenschein und schließlich die Instrumentenflugberechtigung.
Was bedeutet Letzteres genau?
Die Ausbildung zum Instrumentenflug – umgangssprachlich auch Blindflug. Darunter versteht man das Steuern von Luftfahrzeugen, bei dem die Fluglage und die Navigation ohne Bezug auf äußere visuelle Anhaltspunkte, ausschließlich mithilfe von Instrumenten an Bord und durch die Unterstützung von Fluglotsen am Boden, kontrolliert werden.
Was waren für dich besondere Erlebnisse deiner Fluglaufbahn?
Etwas wirklich Einzigartiges ist der Kunstflug. Eine fliegerische Disziplin, bei der Luftfahrzeuge in absichtlichen, nicht für den normalen Flugverkehr erforderlichen Fluglagen wie Loopings, Rollen und Trudeln bewegt werden. Diese Flugmanöver verursachen hohe physische Belastungen durch G-Kräfte, die bis zu 5G plus oder 3G minus erreichen können. Nur zur Einordnung: Eine Belastung von 5G (fünffache Erdbeschleunigung) bedeutet eine massive körperliche Beanspruchung, die typischerweise bei Kampfpiloten oder extremen Kunstflugmanövern auftritt. Dabei beginnen Symptome wie ein Blackout und der Verlust des peripheren Sehens, da das Blut aus dem Kopf in den Unterkörper gepresst wird. Natürlich ist auch die psychische Belastung enorm. Es ist ein Sport, der hohe Konzentration erfordert und sehr erfahrene Piloten voraussetzt, um in diesen Situationen noch professionell und abgeklärt zu reagieren. Bei einem Sturzflug fliegt man mit 350 km/h auf die Erde zu – auf Sicht, keine Instrumentenunterstützung. 100 bis 50 Meter vor dem Boden, je nach Tagesform und Erfahrung, reißt man die Maschine dann herum, da ist weder Zeit noch Platz für Fehler oder Panik. Der Begriff „Adrenalinjunkie“ ist teilweise negativ besetzt, aber das trifft’s vielleicht doch recht gut für Menschen wie uns :-)!
Du bist aber nicht nur Kunstflugpilot, sondern bildest auch aus. Bist du als Pilot immer noch aktiv?
Den Sport hab ich 2010 beendet. Früher konnte man mit der Teilnahme an Flugshows auch noch Geld verdienen. Mittlerweile aber nicht mehr und so macht das dann für Piloten wie mich keinen Sinn, wenn man alles unentgeltlich selbst finanzieren muss.
Machst du noch viele Rundflüge? Ihr hattet da ja tolle Angebote für die Alpen und das Fünfseenland.
Nein, auch hier sind wir nur noch sehr eingeschränkt tätig. Aufgrund neuer Gesetzeslagen ist man da sehr schnell im Bereich des gewerblichen Personentransports, und dann wird es teuer und ist nicht mehr interessant für unsere Fluggäste.
Wie viele verschiedene Flugzeuge bist du eigentlich schon geflogen und was waren deine schönsten Flugreisen?
Es waren mit Sicherheit über 100 unterschiedliche Flugzeugtypen. Highlights waren definitiv der Flug über den Grand Canyon, zwei Wochen Finnland bis hoch nach Lappland und zum Polarkreis oder auch die Flüge in Afrika. Man sieht vollkommen fremde Landschaften und kann stundenlang unterwegs sein ohne Anzeichen von Zivilisation – sehr beeindruckend. Aber auch Großbritannien, Marokko, Spanien, Frankreich und Schweden waren einmalige Erlebnisse. Aus der Luft wirkt alles ganz anders: sauber, aufgeräumt und angerichtet, nahezu perfekt. Besonders nach einem Gewitter, wenn die Luft sauber ist, wirkt dies alles noch intensiver.
Wolltest du nie bei großen Airlines arbeiten, noch mehr raus in die große weite Welt?
Doch, diese Überlegungen gab es durchaus. Mitte der 90er Jahre, damals herrschte Pilotenmangel, hatte ich ein Angebot, eine Boeing 767 zu fliegen, aber ich habe das dann abgelehnt – genauso wie ich meine für vier Monate geplante Amerikareise früher abgebrochen habe. Es zog mich immer wieder zurück nach Jesenwang zu meiner Familie, hier sind meine Wurzeln, nur da bin ich daheim. Ich nutze auch den Fernseher nicht oft. Einfach draußen sitzen, mit Blick auf unsere Wiesen und Wälder, macht mich glücklich. Mehr brauche ich nicht.
Lass uns doch jetzt mal über euren Flugplatz sprechen. So etwas einfach auf einer grünen Wiese ins Leben zu rufen, ist durchaus bemerkenswert und alles andere als gewöhnlich. Wie und wann begann das Ganze?
Mein Vater, geboren 1929, hatte nie Pläne, den elterlichen Landwirtschaftsbetrieb langfristig weiterzuführen. Anfang der 50er Jahre hatte er dann irgendwie Kontakte zum Offizierskasino auf dem Flughafen in Fürstenfeldbruck aufgebaut. Dort unterhielt er sich viel mit Piloten und war sofort fasziniert von der Fliegerei. So lernte er auch Gottfried Bleichner kennen, einen Hallenbauer, der dann auch die Hallen bei uns baute. Er war selbst begeisterter Pilot und auch einer der ersten Privatflieger. Das Thema Fliegerei ging ja, bedingt durch den Krieg, erst 1955 wieder los. Irgendwann entstand dann die Idee, auf unserer Wiese eine Landebahn für Privatflieger zu errichten. 1962 fand schließlich die erste Landung mit erteilter Einzelgenehmigung der Regierung von Oberbayern statt. Dann nahm alles seinen Lauf und Jesenwang entwickelte sich zum bedeutendsten Landeplatz für die allgemeine Luftfahrt im Raum München. Die offizielle Betriebsgenehmigung und die Einweihung der ersten Halle erfolgten 1963. 1964/65 kam dann der Bau einer zweiten Halle und die Asphaltierung der Landebahn. 1968 wurde ein internationaler Großflugtag mit über 50.000 Besuchern abgehalten, der den Bekanntheitsgrad enorm steigerte, auch über die Landesgrenzen hinaus. Über die Jahre wurden dann eine Flugzeugtankstelle, weitere Hallen, Werkstätten und ein Tower errichtet. In den 80er Jahren war der Flugbetrieb am höchsten. Über 40.000 Starts und Landungen wurden damals gezählt. Heute sind es noch rund 30.000. Ironischerweise ist mein Vater trotz seines Enthusiasmus für das Thema nie selbst geflogen, aber er war immer ein sehr begeisterter Mitflieger!
Eure Flugschule und Aircharter, wie begann das?
Die Flugschule wurde bereits Ende der 70er Jahre von meiner Schwester Elvira gegründet. Parallel dazu entstand dann 1983 das Vercharterungs- und Rundflugunternehmen „Aircharter“ nebst Flugschule, hauptsächlich zur Flugzeugvermietung. Ich übernahm diese dann 1990 und heute haben wir vier Flugzeuge zu Schulungszwecken, und sieben Fluglehrer sind neben mir in Teilzeit beschäftigt. Bei unserer Auslastung sind wir natürlich sehr wetterabhängig – von 5 Stunden pro Woche im Februar bis zu 70 Stunden im Sommer ist alles möglich.
Ich bin ja Anwohner und muss sagen, dass man von den Flugzeugen fast nichts mehr mitbekommt. Liegt das auch am Hype der Ultraleichtflugzeuge?
Ja, die kleinen Maschinen sind im Hangar mittlerweile in der Überzahl. Das Maximalgewicht beträgt nur 600 Kilogramm, sie sind mit 65 dB – das entspricht in etwa der Lautstärke eines lebhaften Gesprächs – deutlich leiser und sowohl in der Anschaffung als auch im Betrieb viel günstiger als die Cessnas. Ganz abgesehen von den Kosten für den Flugschein.
Das Landen in Jesenwang ist ja durchaus anspruchsvoll und nicht gerade Standard in der Branche, aber – sarkastisch gesagt – es kam noch jeder runter :-)
Ja, unsere Landebahn hat nur 450 Meter, aber es kam, Gott sei es gedankt, noch nie zu schweren Unfällen. Das Starten und Landen in Jesenwang ist durchaus anspruchsvoll, aber auch die beste Ausbildung. Wer es in Jesenwang schafft, der kommt dann wirklich überall zurecht. Die offizielle Zulassung gilt für Flugzeuge bis zu drei Tonnen, aber es kommt niemand mit mehr als 1,6 Tonnen Gewicht. Die Größe der Flugzeuge ist aber ausreichend, um mal eben nach Hamburg, Rom oder Mallorca zu fliegen, und das bei 10 bis 15 Litern Verbrauch pro 100 km – natürlich immer abhängig vom Wetter und vor allen Dingen vom Wind. Wenn man bedenkt, dass man ja in der Regel immer die kürzeste direkte Flugstrecke wählt, ist der Verbrauch dann unter Umständen sogar geringer als beim Auto.
Jetzt abschließend nochmal zu dir. Du hattest ja in dem Gespräch bereits erwähnt, dass Jesenwang, deine Heimat mit Familie, eine größere Anziehungskraft besaß als die große weite Welt und ein abendlicher Blick auf unsere Wiesen und Wälder dich glücklich macht. Wie stehst du dann zum KHV?
Ich finde das sehr gut! Als ich gefragt wurde, ob das Rauhnächte-Böllern zum Jahreswechsel bei uns am Flugplatz stattfinden darf, habe ich sofort zugesagt. Ich finde, es ist sogar unsere Verantwortung, Brauchtümer, Traditionen und unsere bayerische Kultur nicht nur zu erhalten und zu pflegen, sondern sie auch weiterzugeben. Ich bringe mich da auch aktiv ein und spreche mit meinen Enkeln bewusst Bayerisch. Das führt oft zu fragenden Blicken, aber ich lasse nicht locker, da müssen sie durch, das werden sie bestimmt lernen, oder es zumindest verstehen :-)
Max, vielen Dank für deine Zeit und die interessanten Einblicke in eure Familienunternehmungen! Wenn ich nicht so viel Schiss hätte, würde ich bestimmt mal mit dir fliegen. Ich trage aber lieber ’ne schöne Pilotenuhr und singe auch gern das Fliegerlied. So wünsche ich dir, deiner Firma und dem Flugplatz Jesenwang „Holm- und Rippenbruch“, „Blue Skies“ und prepare mich jetzt for departure!
(Bernd Schlemmer für den KHV)









